Über Psychotherapie

Das Österreichische Psychotherapiegesetz definiert Psychotherapie wie folgt:

§ 1. (1) Die Ausübung der Psychotherapie im Sinne dieses Bundesgesetzes ist die nach einer allgemeinen und besonderen Ausbildung erlernte, umfassende, bewußte und geplante Behandlung von psychosozial oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen mit wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden in einer Interaktion zwischen einem oder mehreren Behandelten und einem oder mehreren Psychotherapeuten mit dem Ziel, bestehende Symptome zu mildern oder zu beseitigen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die Reifung, Entwicklung und Gesundheit des Behandelten zu fördern.

(2) Die selbständige Ausübung der Psychotherapie besteht in der eigenverantwortlichen Ausführung der im Abs. 1 umschriebenen Tätigkeiten, unabhängig davon, ob diese Tätigkeiten freiberuflich oder im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses ausgeübt werden.

Das bedeutet im einzelnen:

Um Psychotherapie in Österreich ausüben zu können, muss man eine Ausbildung absolvieren, die im Gesetz genau geregelt ist. Diese Ausbildung besteht aus zwei Teilen, nämlich einem allgemeinen Teil (dem sogenannten "Propädeutikum") und einem besonderen Teil (dem sogenannten "Fachspezifikum" in der jeweiligen Psychotherapiemethode). Nur wer im Sinne dieses Gesetzes die Ausbildung absolviert hat, darf sich in der Folge Psychotherapeut oder Psychotherapeutin nennen und die Tätigkeit, die er oder sie ausübt, als Psychotherapie bezeichnen. Es handelt sich bei Psychotherapie also um einen sogenannten "geschützten" Beruf.

"umfassende, bewußte und geplante Behandlung": Psychotherapie ist eine Behandlungsmethode, die umfassend ist - also den Menschen in seinem gesamten Kontext betrachtet. Dies betrifft die Biographie, die momentane Lebenssituation, das nahe und weitere Umfeld und auch die Gesellschaft, in der der Mensch sich befindet. Dementsprechend ist das Ziel einer psychotherapeutischen Behandlung auch umfassend und nicht nur auf ein einzelnes Symptom bezogen. Die Begriffe "bewusst" und "geplant" definieren, dass die Psychotherapeutin/der Psychotherapeut Handlungen und Interventionen entsprechend ihrer/seiner methodenspezifischen Ausbildung absichtsvoll und zielorientiert einsetzt. Damit wird definiert, dass es sich bei Psychotherapie um ein professionelles Behandlungsgeschehen handelt, das nicht "aus dem Bauch" heraus gesteuert, sondern von wissenschaftlichen und erlernten Kriterien geleitet wird.

"psychosozial oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen": Die verwendeten Begriffe beschreiben zwei Aspekte von möglichen Beweggründen Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Zum einen werden Störungen angesprochen, die eine Person aus der Perspektive eines Außenstehenden aufweist (Verhaltensstörungen) und zum anderen aus einer Innenperspektive der oder des Betroffenen selbst (Leidenszustände). Dies muss nicht immer beides der Fall sein, da es bei Menschen auch zu Verhaltensweisen kommen kann, die vorwiegend von Außenstehenden als störend empfunden werden und ebenso Zustände auftreten können, die vorwiegend von den Betroffenen selbst als subjektiv störend erlebt werden. Die Begriffe "psychosozial" und "psychosomatisch" drücken noch einmal das umfassende Verständnis von psychischen Störungen aus, indem einerseits das Zusammenspiel von Psyche und Umfeld (psychosozial) und Psyche und Körper (psychosomatisch) betont wird.

"wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden": In Österreich sind derzeit 22 psychotherapeutische Methoden anerkannt, die sich grob in vier Richtungen zusammenfassen lassen:
  • tiefenpsychologisch-psychodynamisch
  • humanistisch
  • systemisch
  • verhaltenstherapeutisch
  • All diese Methoden wurden vom Psychotherapiebeirat im Gesundheitsministerium unter anderem auf ihre wissenschaftliche Fundierung hin überprüft. Die je spezifischen Behandlungsschritte sind Teil eines umfassenden, theoretisch begründeten und wissenschaftlich untermauerten Theoriegebäudes.

    "Interaktion zwischen einem oder mehreren Behandelten und einem oder mehreren Psychotherapeuten": Psychotherapie ist nicht ausschließlich eine Methode, die im bekannten Setting von einer Klientin/einem Klienten und einer Psychotherapeutin/einem Psychotherapeuten arbeitet - der so genannten Einzeltherapie. In verschiedenen Situationen oder Methoden kann auch mit mehreren KlientInnen gearbeitet werden (Paar- oder Familientherapie) und es können auch mehr als eine Psychotherapeutin/ein Psychotherapeut mit einem oder mehreren KlientInnen arbeiten. Die Zusammensetzung der handelnden Personen kann auch problem- oder situationsabhängig variabel sein. Das Setting betreffend der beteiligten Personen wird im Vorfeld der Therapie geklärt. Allen genannten Variationen ist jedoch gemeinsam, dass es zur Interaktion zwischen allen Beteiligten kommt. Psychotherapie ist also keine einseitige Behandlungsmethode, wo "mit einem geschieht".

    "mit dem Ziel...": Dieser Teil der Definition macht deutlich, dass Psychotherapie eine Behandlung ist, die einen klar definierten Beginn, ein Ziel und ein Ende hat. Die Klärung dieser Bestandteile der Behandlung kann methodenspezifisch unterschiedlich sein, sie wird allerdings in jeder professionellen Psychotherapie (immer wieder) stattfinden. Weiters ist die Klärung des Ziels etwas, das in der Interaktion zwischen der Klientin/dem Klienten und der Psychotherapeutin/dem Psychotherapeuten geschieht.

    "Die selbständige Ausübung...": Seit Inkrafttreten des Psychotherapiegesetzes im Jahr 1991 ist die Psychotherapie als selbstständiger Heilberuf definiert. PsychotherapeutInnen sind selbstständig, eigenverantwortlich und nicht weisungsgebunden. Sie können von sich aus die Notwendigkeit einer Behandlung definieren und bedürfen nicht der Zuweisung durch Angehörige anderer Heilberufe (wie z.B. einer Ärztin/eines Arztes). Dies ist unabhängig davon, ob die Psychotherapie in freier Praxis oder im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses (z.B. in einer Institution des Gesundheitswesens) stattfindet.
    Warum Psychotherapie?

    Wann kann mir Psychotherapie helfen – Gründe, eine/n PsychotherapeutIn aufzusuchen
    Wenn ein bzw. mehrere Punkte zutreffen, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen:
  • Ich fühle mich krank oder habe Schmerzen, obwohl mich der Arzt für organisch gesund erklärt hat oder medizinische Befunde keine ausreichende Erklärung dafür bieten.
  • Seit längerer Zeit halte ich mich nur noch mit Aufputsch-, Beruhigungs- oder Schlafmitteln (Psychopharmaka) aufrecht.
  • Ohne ersichtlichen Grund bekomme ich rasende Herzklopfen und Angst, dass ich sterben muss.
  • Ich habe Ängste, die mich belasten oder einschränken: z. B. vor dem Kontakt mit meinen Mitmenschen, vor Autoritäten, vor großen Plätzen, vor engen Räumen, vor Prüfungen.
  • Es plagen mich oft Gedanken, über die ich mit niemandem zu sprechen wage (Scham- und Schuldgefühle, Hassgefühle, Unzulänglichkeitsgefühle, das Gefühl, verfolgt oder fremdbestimmt zu werden,…).
  • Ich fühle mich antriebs- und lustlos, erschöpft oder ständig überfordert.
  • Ich bin oft niedergeschlagen und habe keine Freude am Leben.
  • Ich bin traurig und vereinsamt.
  • Ich befinde mich in einer belastenden Umbruchsituation (z. B. schwere Krankheit, Tod, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Trennung, Unfälle,…), die schwer zu bewältigen ist.
  • Ich denke manchmal an Selbstmord.
  • Ich lebe in einer Beziehung, die mich sehr belastet.
  • Ich fühle mich durch meine Kinder dauerhaft überfordert.
  • Ich habe wiederkehrend große Probleme im Kontakt mit anderen Menschen (z. B. am Arbeitsplatz).
  • Ich bin süchtig - nach Alkohol, Drogen, Essen, Hunger, Liebe, Spielen.
  • Ich fühle mich innerlich gezwungen, ständig dasselbe zu denken oder zu tun (z. B. zwanghaftes Waschen, Zusperren, Grübeln,….), obwohl dies ein Leben sehr einengt.
  • Ich sollte meine Fähigkeiten besser ausschöpfen und weiß nicht wie.
  • Ich komme mit meiner Sexualität nicht zurecht.
  • Ich habe Angst vor Entscheidungen, und das quält mich.
  • Mein Kind zeigt Verhaltensauffälligkeiten oder hat psychosomatische Probleme.
  • Mein Kind reagiert oft aggressiv oder ist traurig und zieht sich zurück. Es hat Schwierigkeiten, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen. Ebenso können Schulangst, Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten Ausdruck psychischer Probleme sein. (Wenn die letzten Punkte zutreffen, sollten Sie mit Ihrem Kind Kontakt zu einer PsychotherapeutIn aufnehmen.)

  • Wichtige Voraussetzung für eine Psychotherapie ist Ihr Wunsch, etwas zu verändern, und Ihre grundsätzliche Bereitschaft, sich mit Ihren Gefühlen und Ihrem Erleben zu beschäftigen und sich dabei unterstützen zu lassen. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht: Psychotherapie kann in jedem Alter hilfreich sein.
    Eine PsychotherapeutIn hat in ihrer/ seiner jahrelangen Ausbildung eine umfassende Kompetenz für alle Krankheitsbildern und Leidenszustände erworben.
    Außerhalb dieser Kern- und Grundkompetenz in der Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen werden Behandlungsfelder gesehen, die - wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß - zusätzliche und spezifische Kompetenz durch themenspezifische Erfahrung in der Praxis oder/und durch Fort- und Weiterbildung erfordern. In diesen Bereich fällt beispielsweise die Arbeit mit Suchtkranken, mit Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen, mit Transsexuellen, mit alten Menschen und mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen.
    Ablauf einer Psychotherapie

    Beim hier dargestellten Ablauf handelt es sich um den prototypischen Ablauf einer Psychotherapie, der in manchen Methoden oder Settings leicht variieren kann.

    Schritt 1: Die richtige PsychotherapeutIn finden

    Die Adressen von PsychotherapeutInnen gibt es bei allen Landesverbänden des ÖBVP, im ÖBVP-Büro und im Menüpunkt PsychotherapeutInnen auf dieser Homepage.

    Psychotherapie als Prozess benötigt entsprechend Zeit und Raum, um auf dem Boden einer vertrauensvollen Beziehung zwischen KlientIn und PsychotherapeutIn das Geworden-Sein der jeweiligen Person gemeinsam zu erkunden und erfassen. In Abgrenzung zu anderen Behandlungsmethoden ermöglicht die Psychotherapie den KlientInnen durch respektvolle und einfühlsame Begleitung den für die jeweilige KlientIn individuell passenden Erkenntnisweg zu finden. Dabei geht es auch darum, den „historischen“ Sinn von Symptomen und Leidenszuständen vor dem Hintergrund der jeweiligen Lebensgeschichte und als Ausdruck von Konflikten, Verdrängtem und der Position im jeweiligen System zu verstehen, um für das Hier und Jetzt den Handlungsspielraum zu erweitern.
    Der Psychotherapie liegt ein Menschenbild zugrunde, das Persönlichkeitsentwicklung als zentrales Moment ansieht und zugleich Entwicklung als Prozess begreift, ausgehend von der jeweils subjektiv notwendigen Entfaltungszeit. Die Dauer einer Psychotherapie ist daher nicht vorgegeben. Sie hängt von der jeweils zugrunde liegenden Problematik, dem Therapieziel, der Methode und manchmal leider auch von der Kostenfrage ab.

    In einem psychotherapeutischen Prozess werden häufig verschiedene Phasen durchlaufen. Obwohl dies je ein sehr individueller Prozess ist, sollen hier wichtige Momente beispielhaft angeführt werden:
  • sich finden und Vertrauen fassen
  • zu schwierigen Themen vorstoßen
  • eigene Ressourcen neu entdecken
  • Aufbrechen und Verstehen von alten Konfliktmustern und das Bearbeiten von Problemen
  • sich neu erfahren und kennen lernen
  • Konflikte austragen lernen und durcharbeiten
  • neue Handlungs- und Erlebnismöglichkeiten entdecken
  • Verschwiegenheit: PsychotherapeutInnen unterliegen einer gesetzlich verankerten absoluten Verschwiegenheitspflicht. Diese Verschwiegenheitspflicht dient dem Schutz der für das Gelingen der Psychotherapie unabdingbaren Vertrauensbeziehung zwischen KlientIn und PsychotherapeutIn (§ 15 PthG).

    Schritt 2: Das Erstgespräch

    Die Beziehung zwischen der KlientIn und der PsychotherapeutIn ist für den Behandlungsverlauf von großer Bedeutung. Das Erstgespräch dient daher vor allem dem gegenseitigen Kennenlernen. Im Mittelpunkt stehen dabei auch die Beweggründe der KlientIn für eine Psychotherapie:
  • Anlass (z.B. Krise, Depressionen, Arbeitsunfähigkeit, Todesfall, Scheidung, Panikattacken, Suchtprobleme, Ess-störungen, etc.)
  • Motivation und
  • Erwartung
  • Im Verlauf des Erstgesprächs werden auch die jeweiligen Rahmenbedingungen geklärt:
  • die Methode
  • das Setting (Einzel-, Gruppen-, Paar- oder Familien-therapie)
  • die Häufigkeit der Sitzungen und eventuell die Dauer der Psychotherapie
  • die Höhe des Honorars und der Zahlungsmodus
  • die Regelung des Procederes für eine Bezuschussung bzw. Kostenübernahme durch die Krankenkasse
  • die Absage- und die Urlaubsregelung
  • Schritt 3: Beginn der Psychotherapie

    Psychotherapie basiert auf Freiwilligkeit: Die KlientIn trifft ihre Entscheidung und vereinbart mit der PsychotherapeutIn ein Arbeitsübereinkommen. Die KlientIn kann ihre Entscheidung rückgängig machen, wenn sie denkt, sich getäuscht zu haben. Es ist aber besser, wenn dies nicht im Alleingang geschieht, sondern in Absprache mit der PsychotherapeutIn, um eventuelle Missverständnisse aufklären und ausräumen zu können.
    Da es in der Psychotherapie um ein Sich-Einlassen geht, sollte man nur bei einer PsychotherapeutIn in Behandlung sein. Eine Ausnahme stellt die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie oder Einzel- und Paar- oder Familientherapie dar. In Absprache mit den beteiligten PsychotherapeutInnen können die genannten Kombinationen einander sinnvoll ergänzen.

    Schritt 4: Verlauf einer Psychotherapie

    Die Psychotherapie wird bei jedem Menschen anders verlaufen. In der Regel zeigen sicher erste Erfolge schon nach wenigen Stunden, die KlientIn kann aber auch Perioden der Skepsis und Rückfälle erleben. All das gehört dazu, ebenso wie erhellende Momente oder Krisen. Wir treten dafür ein, möglichst jedes Problem mit der PsychotherapeutIn zu besprechen. Es kann aber auch vorkommen, dass sich das gegenseitige Vertrauen trotz beiderseitigen Bemühens nicht ausreichend einstellt. In diesem Fall oder wenn sich die KlientIn einem Übergriff oder einer groben Respektlosigkeit der PsychotherapeutIn ausgesetzt fühlt und das Unbehagen trotz fortgesetzter Versuche, dies mit der PsychotherapeutIn zu besprechen, bestehen bleibt, ist in Erwägung zu ziehen, sich an eine andere PsychotherapeutIn zu wenden oder an eine Beschwerdestelle des zuständigen Landesverbandes.

    Die Regelung der Sitzungsfrequenzen kann je nach Mthode und Problemlage sehr individuell gehalten sein. Häufig findet Psychotherapie einmal pro Woche statt. Eine durchaus übliche Maßnahme kann ein Wechsel der Häufigkeit im Laufe der Psychotherapie sein. In jedem Fall sind eine gewisse Regelmäßigkeit der Psychotherapiestunden und nicht allzu große Abstände zwischen den Sitzungen günstige Bedingungen für den psychotherapeutischen Prozess.

    Schritt 5: Das Ende der Psychotherapie

    Die Psychotherapie ist dann zu Ende, wenn das Psychotherapieziel erreicht bzw. weitere Ziele nicht erreicht werden können. Wenn man von der Kostenfrage und der Frage des Abbruchs von Psychotherapien absieht, hängt die Dauer vom Psychotherapieziel und der Art und Schwere der Störung ab. In jedem Fall sollten KlientIn und PsychotherapeutIn das Ende miteinander klären.


    Quelle: http://www.oebvp.at/ueber_psychotherapie